Die Tiermedizin im Wandel

Wir müssen dringend mal reden. Von Tierarzt zu Patientenbesitzer. Denn als Tierärzte Ihres Vertrauens haben wir nicht nur die Gesundheit Ihres Schützlings im Blick, sondern möchten Sie in allen tierischen Lebenslagen begleiten, beraten oder in diesem Fall aufklären.

Die Tiermedizin in Deutschland wandelt sich gerade – und wir finden, das sollten Sie unbedingt wissen!

Die Fakten

Seit einiger Zeit kaufen millionenschwere Investoren Tierkliniken und Tierarztpraxen in ganz Europa auf. Natürlich nur zum Wohle Ihrer Lieblinge, denen laut Konzernaussagen bessere Vernetzung, zentrale Verwaltung und moderne Ausstattung zugutekommen sollen. „A better world for pets“ – klingt das nicht vielversprechend?

Die schwedische Kette Anicura hat mittlerweile über 300 Kliniken in Europa übernommen und Evidensia kann das mit weit über 1000 Tierkliniken und Tierarztpraxen noch überbieten. Allein in unserer Gegend finden sich 7 Evidensia-Kliniken.

Dass es sich bei diesen Übernahmen nicht ausschließlich um eine bessere Haustierversorgung gehandelt haben mag, lässt sich spätestens daran erkennen, dass beide Investoren – nach Genuss Ihres Kuchenstückes – bereits längst an noch größere, diesmal milliardenschwere Konzerne verkauft haben.

Bei Anicura ist Mars eingestiegen (Sie wissen schon, der Schokoriegelriese, zu dem z.B. auch Pedigree und Whiskas gehören) und Evidensia hat sich von Nestlé kaufen lassen (wir müssen Sie vermutlich nicht über deren Geschäftsgebaren in Trinkwasser, Babynahrung und Co aufklären?)

Wir sind Tierärzte, keine Wirtschaftsexperten. Aber wenn zwei Großkonzerne wie Mars und Nestlé, die jeweils allein mit Tierfuttermitteln 20 Milliarden Euro Jahresumsatz generieren, im großen Stil Tierkliniken und Tierarztpraxen in Deutschland aufkaufen, dann wirft das natürlich die ein oder andere Frage auf.

Die Fragen

  1. Dürfen wir den Slogan „Eine bessere Welt für Haustiere“ ernst nehmen? Genauso ernst wie den Leitsatz des Nestlé-Konzerns: „Lebensqualität verbessern und zu einer gesünderen Zukunft beitragen“?
  2. Können wir davon ausgehen, dass in diesen Kliniken nach tiermedizinischen und nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entschieden, diagnostiziert und behandelt wird?
  3. Müssen wir nicht annehmen, dass unser tierärztliches Berufsethos, welches das Wohl der Tiere als oberste Priorität ansieht, vielleicht weniger für kapitalistische Heuschrecken gilt?
  4. Sollen wir glauben, dass die Futtermittel-Empfehlungen dieser Kliniken tatsächlich der Genesung des Patienten oder vielleicht doch der Gewinnmaximierung des Gesamtkonzerns dienen?
  5. Wie relevant sind in diesem Kontext Ihre Daten? Alle Welt spricht von sensiblen Daten und während wir Tierärzte Datenschutz und Schweigepflicht unterliegen, sind in diesen Ketten-Kliniken plötzlich weltgrößte Futtermittel- und Tierpflegeprodukte-Hersteller und Tierarzt ein und dieselbe Person. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
  6. Schaden wir vielleicht Ihrem Tier oder unserem Berufsstand, wenn wir Sie zur nächsten Herz-OP zu Nestlé oder Mars schicken?
  7. Was bedeutet es für Ihr Tier, wenn der behandelnde Tierarzt nicht mehr nur Ihnen und Ihrem Tier gegenüber verantwortlich ist, sondern vor allen Dingen auch seiner Konzernleitung, also Nestlé oder Mars?
  8. Wäre die Annahme, Nestlé und Mars hätten sich milliardenschwer in den Tiermedizinmarkt eingekauft, um eine bessere Welt für Haustiere zu schaffen, nicht eigentlich fahrlässig naiv?

Ihre Antworten?

Die Beantwortung dieser Fragen möchten wir Ihnen, als mündigen und aufgeklärten Patientenbesitzern, gerne selbst überlassen, denn: Wir sind Tierärzte, keine Wirtschaftsexperten. Wir denken medizinisch, nicht unternehmerisch. Und hier liegt vermutlich im wahrsten Sinne auch der Hund begraben. Entgegen Ihrem Empfinden als zahlendem Patientenbesitzer ist Deutschland tiermedizinisch gesehen geradezu ein Billigland und nur vom Osten Europas unterboten. Bedeutet für Investoren: Hier ist viel Luft nach oben und gibt es noch einige dicke Tortenstücke abzuschöpfen. Warum sonst sollten sich Großinvestoren bei uns einkaufen?

Was in der Humanmedizin schon vor Jahren mit der Privatisierung von Kliniken passiert ist, kommt nun auch in der Tiermedizin an. Die Gründe liegen auf der Hand: Immer mehr Menschen sind bereit, immer mehr Geld für ihre Haustiere, die sich längst vom Kettenhund zum vollwertigen Familienmitglied gemausert haben, auszugeben. Davon profitieren eine ganze Reihe geschäftstüchtiger Unternehmer: Hunde-Sofa-Designer, Tierkommunikatoren, BARF-Experten und Wurmtest-Vertriebler – sie alle wollen ein Stück vom großen Hundekuchen. Der Tierarzt aber denkt medizinisch, nicht unternehmerisch. Er hat Anatomie und Physiologie studiert, nicht Ökonomie. Nicht verwunderlich also, dass der Tiermedizin-Sektor für Großinvestoren mehr als interessant ist.

Machen wir Ihnen nichts vor: auch wir freien Tierärzte wollen von unserer Arbeit leben können und freuen uns, wenn die Praxis läuft. Glücklich macht uns dabei allerdings viel mehr die Resonanz als die Penunze. Wenn wir am Ende des Jahres gesunde Patienten, zufriedene Besitzer und schwarze Zahlen vorweisen können, wissen wir, dass wir saubere Arbeit geleistet, unsere Patienten gut behandelt und Sie richtig begleitet haben. Finanzieller Erfolg ist zwar eine messbare Bestätigung für unser berufliches Engagement und eine schöne Belohnung, aber ganz bestimmt nicht unsere Motivation.

Wir wollen, dass Ihr Tier gesund ist.

Wir Tierärzte haben uns einmal als Idealisten für diesen eher brotarmen akademischen Beruf entschieden und wussten schon vor den ca. 25 Staatsexamensprüfungen, dass unser Lohn der gerettete Familienhund, der gute Leumund und nicht die Stadtrandvilla sein würde. Wir mögen Tiere, das Sinnhafte unseres Berufes, die Arbeit mit Menschen und im Team. Was mögen Investoren eigentlich? Gewinne, oder nicht?

Als freie und gut laufende Tierarztpraxis betreffen uns persönlich diese Wandlungen am Veterinärmarkt kaum. Im Gegenteil: wir werden von dem erwartbar steigenden Preisniveau tierärztlicher Behandlungen vermutlich sogar profitieren. Dann nämlich, wenn Sie als Patientenbesitzer längst gewöhnt sein werden, den Geldbeutel beim Tierarztbesuch weiter aufzumachen. Und wir freien Ärzte werden von der ebenfalls erwartbar sinkenden individuellen Begleitung eines Klinikketten-Patienten profitieren. Schon jetzt werden wir überlaufen von Patientenbesitzern, die genau DAS suchen und in unserer inhabergeführten Praxis finden: einen lebenslangen Begleiter für ihr Tier: von der ersten Impfung bis zum letzten Atemzug. Zum Wohle ihres Tieres und eben nicht um der Rendite willen.

Sie und Ihr Tier werden die Veränderungen am Veterinärmarkt schon bald zu spüren bekommen. Möchten Sie für weiterführende Diagnostik wie CT oder MRT lieber zu Anicura oder zu Evidensia überwiesen werden? Und soll die Schnittverletzung nach dem Sonntagsspaziergang von Nestlé oder Mars versorgt werden? Gerne schicken wir Sie an inhabergeführte Kliniken unseres Vertrauens, in denen Sie an Menschen wie uns geraten, die zwar Koryphäen auf ihrem Gebiet sind, am Ende des Jahres aber dennoch in geretteten Familienhunden rechnen. Es könnte aber sein, dass Ihr Weg dorthin immer weiter wird. Schon jetzt überweisen wir zur Herz-OP nach Duisburg.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: auch in den Kettenkliniken arbeiten großartige Tierärzte, die sich einmal als Idealisten für diesen Beruf entschieden haben. Nur werden diese Tierärzte nicht mehr ausschließlich Ihnen, Ihrem Tier und sich selbst gegenüber verantwortlich sein können, sondern auch einer Konzernleitung Rechenschaft über ihre Entscheidungen ablegen müssen. Besonders schade um jene Kliniken, zu denen wir seit Jahren aufgrund Ihrer Kompetenz überwiesen haben, deren Unabhängigkeit und rein fachliche Entscheidungshoheit wir aber zunehmend hinterfragen müssen.

Wie schon erwähnt: wir sind Tierärzte, keine Unternehmer. Aber wir haben dennoch eine leise Idee von Investment. Wie steht es um die medizinische Entscheidungsfreiheit des behandelnden Klinikketten-Tierarztes, wenn sich das digitale Röntgen schon amortisiert hat, sich aber das neue CT noch rentieren muss? Und wie sieht es mit der Wahl eines Medikamentes aus, wenn die Konzernleitung gewinnoptimierend die Apotheken sämtlicher Kettenkliniken befüllt? Wird ein Tierarzt, der beim weltgrößten Futtermittel-Hersteller angestellt ist, tatsächlich tierernährungswissenschaftlich beraten – oder doch eher gewinnbringend?

Unsere Antwort!

Als freie Tierärzte stehen wir für eine unabhängige Tiermedizin.

Sämtliche medizinischen Entscheidungen treffen wir nach bestem Wissen und Gewissen und unterliegen dabei keinen konzernpolitischen Weisungen. Für uns ist die Gesundheit Ihres Tieres kein Spekulationsobjekt, sondern eine Herzensangelegenheit. Durch unsere Unabhängigkeit und Handlungsfreiheit können wir Sie bestmöglich beraten, individuelle Lösungen für Ihr Tier finden und Sie persönlich auf diesem Weg begleiten. Wir sprechen uns gegen eine Monopolisierung der Tiermedizin aus, um Ihnen weiterhin eine freie Tierarztwahl zu ermöglichen und überweisen Sie entsprechend nach ethischen und fachlichen Gesichtspunkten, nicht nach wirtschaftlichen.

Um die Freiheit unseres Tierärztlichen Berufstandes zu bekräftigen und zu schützen, sind wir Mitglied in der „Gemeinschaft freier Tierärzte“ (GfT) und engagieren uns für eine individuelle, das Tierwohl fokussierende Tiermedizin. Am Ende des Tages rechnen wir in geretteten Familienhunden, nicht in Prämien. Und wir wissen, dass Sie uns auf diesem Weg auch weiterhin unterstützen werden – aus Überzeugung und zum Wohle Ihres Tieres.

Ihre Tierarztpraxis Engels